Historie
Als Urahnen des Maibaums darf man den Weltenbaum frühester Kulturstufen ansehen. Mit seinen Wurzeln stößt er in die Unterwelt vor, die Krone berührt das Reich der Gestirne, der Götter und Geister. Durch sie garantiert er Schutz für das Leben. Der Weltenbaum wird zum Sinnbild für Leben und Tod, für Raum und Zeit. Für osmanische Türken besitzt der Weltbaum eine Million Blätter, und auf jedem steht das Schicksal eines Menschen. Die Germanen glaubten, der Göttervater Odin habe einst zwei angeschwemmte Bäume gefunden und daraus das erste Menschenpaar erschaffen. Adam und Eva unterlagen der Versuchung unter dem Baum der Erkenntnis in der Mitte des Garten Eden.
Über die Herkunft des Maibaums gibt es widersprüchliche Thesen. In der Orientalistik wird er mit ägyptischen und indischen Fruchtbarkeitskulten in Verbindung gebracht. Herrscher und Hohepriester trugen bei ihren Frühjahrs-prozessionen regelmäßig grün geschmückte Stäbe als Zeichen ihrer Würde; sie besaßen die Macht, den Segen der Götter herabzurufen. Die Römer benannten den dritten Monat ihres Kalenders zu Ehren der Göttin Maia, der Göttin der Fruchtbarkeit und des Gedeihens der Pflanzen. Sie gab dem Monat den Namen. Ihr Fest war gleich am ersten Tag. Die Römer brachten ihr am 1. Mai Opfer dar, sie stellten ihr zu Ehren Bäume auf, die auch als Phallussymbole gesehen wurden. Zur Maifeier tanzten die Römer um den zentral aufgestellten Baum.
Nach keltischer Vorstellung begann am 1. Mai der Sommer, am 1. November der Winter. Die Bräuche, die an den Vorabenden galten, ähneln bis in Einzelheiten denen unserer Walpurgisnächte. Wie bei den Kelten hatte auch bei den Germanen der 1. Mai als Festtag eine zentrale Bedeutung. Für die Germanen vermählt sich am 1. Mai die mütterliche Erdgöttin Freia mit dem Himmelsgott Wotan. Die ersten Maientage waren geheiligt. Anläßlich des Festes stellte man später grüne Birken- oder Buchenstämme auf. Sie hatten eindeutig phallischen Charakter und sollten die Fruchtbarkeit der Felder und die Dorfgemeinschaft günstig beeinflussen. Durch Jahrhunderte waren die frohen Zeiten der erwachenden Natur auch Feste der Liebe. So war es von alters her Brauch, dass das Mädchen am 1. Mai den Hut des Geliebten mit Blumen schmückte und ihr der Bursch einen Maien, das Zeichen des Frühlingsgottes, vor die Tür pflanzte.
Der eigentliche Maibaumbrauch ist aber erst ab dem 13. Jahrhundert nachweisbar. Ein heftiger Streit machte ihn praktisch aktenkundig. Im Jahre 1225 tanzten nahezu alle Gemeindemitglieder in Aachen ausgelassen um einen großen Maibaum. Der Pfarrer wusste um den heidnischen Ursprung und nahm deshalb derart Anstoß, dass er selbst die Axt schwang und den Baum fällte. Der herbeigeholte Vogt aber stellte sich auf die Seite des Volkes. Er befahl einen noch größeren und schöneren Maibaum aufzustellen und stieg somit im Ansehen der Leute; aber seitdem gab es den Maibaumstreit. Während das Volk am Brauch festzuhalten gewillt war, fürchtete die Kirche im Vordringen eines vom Ursprung her heidnischen Brauches einen Angriff auf die Religion. Erst 100 Jahre später erinnerten sich Kleriker, dass schon Papst Gregor der Große ums Jahr 600 n. Chr. verordnet hatte „dass man die Feste der Heiden allmählich christlich umwandeln solle...“
Das Handwerk, dass sich seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert in den Städten etablierte, machte den Maienbrauch zum festen Bestandteil seiner Jahres-feste. Man zog in die Wälder um frisches Grün zu schneiden. Hans Moser, dem wir eine umfangreiche Arbeit über den Maibaum verdanken, hat anhand von Gerichtsurteilen und Predigerliteratur das allgemeine Vordringen des Brauchs und der Bezeichnung „Maibaum“ in Ober- und Niederbayern zwischen 1480 und 1611 nachgezeichnet.
Damals schon war das Stehlen des Maibaums im Schwange, wobei man sich nicht selten fremder Rösser und fremden Gerätes bediente. Zu einem solchen Vorgang zitiert Moser beispielsweise ein Urteil aus dem Jahr 1533: „Hans Ostermair von Perlach hat nächtlicher weil dem Pfarrer zwai ross auf der waid aufgezaumbt, eingesbannd und mayen damit eingefuert, deshalben gewandelt umb 3ß dn.“
Kurfürst Karl Theodor und König Max I. Joseph hatten als aufgeklärte Landesherrn versucht, den Maibaumbrauch zu unterbinden. König Ludwig I. aber widerrief die Verbote: „Da Wir Volksfeste lieben und unseren treuen Unterthanen mit wahrer Freude jede ehrbare Ergötzlichkeit gönnen: so sey von nun an wieder erlaubt, nach uraltem Brauch am 1. Mai eines Jahres in jeder Gemeinde auf dem Lande einen Maibaum aufzusetzen.“ Schon bald sah man den Maibaum als Zeichen nationalbayrischen Selbstbewusstseins; eine Einstellung, die die Monarchie nur zu gern unterstützte. König Ludwig I. beispielsweise fehlte höchst selten beim Maibaumaufstellen in der Menterschwaige. Und der Schreilbauer Paul Hauser berichtet 1833 von einem Maibaum in Per-lach. Auf dem Renovationsplan von 1858 ist der Standort eines Maibaums auf dem heutigen Pfanzeltplatz eingetragen.
In der Predigerliteratur des 18. Jahrhunderts entdeckte der Maibaumforscher Hans Moser Berichte aus dem Chiemgau. Darin heißt es: „ Die May-Bäum, ehe sie gesetzt und aufgestellt werden, thut man zuvor schelen, man ziehet ihnen die rauhe Haut und Rinden ab, damit sie schön glatt und weiß seynd.“ Sie müssen auch schon grad und hoch seyn, obenher werden sie mit einem grünen Büschlein, gleichsam mit einer Cron gezieret, mit seidenen Bändern, Cräntzen, Blumen und Früchten, von Lemonien, und Pomerantzen-Aepfel behenget.“ Michael Wening hat in seiner großen Topographie Altbayerns unter den 258 Tafeln über das Rentamt München (1701) achtmal einen Maibaum eingezeichnet. Auf dem Blatt „Schloß Ottenburg“ finden sich drei Fähnchen, ein Pfeil eine Art Stern und dazu noch eine einseitige Sprosse mit einem Figurenpaar. Aus diesen Figurenpaaren, die man der Zeit des beginnenden 18. Jahrhunderts zuordnen darf, entwickelten sich die sogenannten Sprossenbäume. Auf Querhölzern zeigte man verschiedene Bilder des dörflichen Lebens, ähnlich den uns heute bekannten Maibaumschildern. In vielen Gegenden aber werden Maibäume auch heute noch nach alter väterlicher Sitte aufgerichtet: entrindet, nur mit Kränzen und Bändern geschmückt.
Frühjahrsbrauch, Maibaum, Pfingstmaien waren immer schon mit Musik, Liedern, Spiel und Tanz als Ausdrucksformen der Freude verbunden. Das Volk aß und trank, und damit keine Langeweile aufkam, erfand man dazu verschiedenartige Geschicklichkeitsspiele. Platteln, Hufeisenwerfen, „Schubkarrenrennarts“ und auch das Maibaumkraxeln waren vielerorts beliebt. In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts hängte einmal ein reicher Perlacher beim Aufstellen des Baumes seinen Hut auf die Spitze und versprach demjenigen 100 Gulden, der ihn wieder herunterholen würde. Das ganze Dorf war versammelt und sah zu, wie der Escher Hans (Riedel) zum Maibaumspitz hinaufkraxelte, während der mitsamt dem Mannsbild gefährlich hin- und herschwankte. Als dem Escher Hans seine Frau dazukam, rief sie aus: „Marandjoseph, des nennt ma doch an Herrgott versuacha! Dem g´hört ja der Orsch g´haut!“ Hinterher wird sie sich wohl auch über die gewonnenen 100 Gulden gefreut haben.
Die Nationalsozialisten sahen im Maibaum ein Relikt des alten Partikularismus, bewiesen in den Landesfarben weiß und blau. So ist es nicht verwunder-lich, dass der vom Schreilbauern Lorenz Ballauf gestiftete Maibaum von 1934, der von den Burschen traditionsgemäß weiß und blau gestrichen wurde, von den NS-Machthabern als „heimtückischer Angriff auf Staat und Partei“ angesehen wurde. Die Nazis verlangten, der Maibaum müsse braun gestrichen und obenauf die Hakenkreuzfahne angebracht werden. Darüber erbost ließ der Schreilbauer kurzerhand den Baum von Perlacher Burschen zersägen. Als Strafe für die „beleidigende Maßnahme“ zogen die Nazis die Kasse und Eigentum des Burschenvereins ein. Später wurde dann doch eine braune Fahnen-stange mit Hakenkreuz am Maibaumplatz aufgerichtet.
Nach dem zweiten Weltkriege gingen über 30 Jahre ins Land, ehe in Perlach wieder ein Maibaum aufgestellt wurde. Es waren zunächst die Perlacher Schützenvereine, die sich 1977 entschlossen, den alten Brauch wieder aufleben zu lassen. Der zweite Nachkriegsmaibaum wurde dann 1982 unter der Regie des Burschenvereins „Die G´mütlichen“ Perlach aufgestellt.
Seither werden in Perlach im 5-Jahres-Rhythmus Maibäume aufgestellt.